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Stephan Weil besucht Papier- und Kartonfabrik:

Ministerpräsident begeistert von friesischer Innovationskraft


VAREL
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19.04.2017
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Beim Besuch des niedersächsischen Regierungschefs wurden auch Herausforderungen im Zuge der Energiewende thematisiert.

Varel.
Sichtlich beeindruckt war Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil am Mittwochabend nach einem zweistündigen Besuch bei der Papier- und Kartonfabrik in Varel. Weil war in Begleitung der SPD-Bundestagskandidatin Siemtje Möller, von Landrat Sven Ambrosy, der SPD-Kreisvorsitzenden Elfriede Ralle und dem Vareler Bürgermeister Gerd-Christian Wagner in das Unternehmen gekommen, um sich über Produktionsweisen, Leistungsfähigkeit und künftige Investitionsvorhaben zu informieren. Vorgestellt wurde dabei auch das Neubauprojekt des Unternehmens Jade-Pack, eine Schwesterfirma der Papier- und Kartonfabrik, deren neuer Firmensitz gerade im nur wenige hundert Meter entfernten Gewerbe- und Logistikport errichtet wird. Insgesamt investiert Jade-Pack hier rund 14 Millionen Euro, für die Ansiedlung des bislang in Rodenkirchen ansässigen Unternehmens hatte das Land eine Förderung von 1,2 Millionen Euro zugesagt. Im August soll der neue Standort in Betrieb gehen. 

Begrüßt wurde der Ministerpräsident zunächst von Senior-Gesellschafter Jürgen Evers, der eingangs mit einer Anekdote an einen früheren Ministerpräsidentenbesuch erinnerte: „Vor ziemlich genau 25 Jahren war Gerhard Schröder bei uns zu Gast, damals war kurz zuvor die Papiermaschine 4 abgebrannt“, so Evers, „und heute ist kurz vor Ihrem Besuch gleich das ganze Werk wegen einer beschädigten Stromleitung zum Stillstand gekommen.“  
Jürgen Evers ging kurz auf die Historie und die Philosophie des Unternehmens ein, das schon immer zu den innovativen und umweltbewussten in der Branche gezählt habe.
Dass dies auch heute noch der Fall ist, machten dann der technische Geschäftsführer Ulrich Lange und Dettmar Fischer von der Geschäftsleitung in einer ausführlichen Präsentation deutlich. Bereits seit 1950 setzt die Papier- und Kartonfabrik ausschließlich auf Altpapier als Rohstoff, durch eine der modernsten Prozesswasserbehandlungsanlagen kommt die Vareler Fabrik rechnerisch mit 4,3 Litern Wasser pro erzeugtem Kilogramm Papier aus – im Branchendurchschnitt ist es gut die doppelte Menge.
Und das Vareler Unternehmen will weiter in möglichst ressourcenschonende Technologie investieren. So soll bis 2018 die Abfallmenge, die vom Werk bislang abgefahren werden muss, von zuletzt 96 Tonnen auf 57 Tonnen reduziert werden – das würde allein 1.500 Lkw-Fahrten im Jahr einsparen. Auch eine weitere Reduzierung der Abwassermengen wird angestrebt. Ulrich Lange betonte, dass bei solchen Projekten die Planungs- und Genehmigungsprozesse immer umfangreicher und zeitaufwendiger würden: „Von Seiten der Behörden wird es den Unternehmen schwer gemacht, im Zeitrahmen zu bleiben“, beschrieb Lange diplomatisch einen Umstand, der durchaus Sorgen bereite. „In Deutschland hat man offenbar den Ehrgeiz, zusätzlich zu EU-Anforderungen immer noch eins draufzusetzen.“

Eine Herausforderung sei ferner die Gestaltung der Energiewende – daran wolle sich die Papier- und Kartonfabrik gern beteiligen, wie Dettmar Fischer betonte, freilich müssten dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. In einem Positionspapier, das die Vertreter der PKV dem Ministerpräsidenten mit auf den Weg gaben, wird der Aufbau einer sogenannten Power-to-heat-Anlage, in der elektrischer Strom zur Erzeugung von Wasserdampf genutzt wird, als Baustein zur Entlastung der Stromnetze dargestellt. Die Vareler Fabrik könnte eine solche Anlage gut in das vorhandene KWK-Kraftwerk integrieren. „Die Technik ist längst vorhanden, aber Gebühren wie Netzentgelte und EEG-Umlage machen es schwierig“, so Dettmar Fischer. Zu der entsprechenden Investition sei das Unternehmen bereit: „Auch wenn das zunächst Geld kostet, wird das künftig ein enormer Wettbewerbsvorteil sein.“
Stephan Weil sprach von interessanten Vorschlägen, die es von Seiten der Politik zu unterstützen gelte. „Man muss wohl einräumen, dass die Energiewende ohne richtiges Drehbuch gestartet ist“, so der Ministerpräsident.
Bei einem kurzen Rundgang durch die Produktion konnten sich die Politiker dann ein Bild von den Dimensionen und Abläufen in der Papierherstellung machen. Als energieintensiver Betrieb benötigt die Papier- und Kartonfabrik enorme Mengen an Wasser, Gas und Strom – letzterer wird im werkseigenen Kraftwerk erzeugt. 850.000 Tonnen Karton und Papier sind im vergangenen Jahr erzeugt worden, das brachte einen Umsatz von rund 332 Millionen Euro. In den kommenden Jahren soll die Produktion auf bis zu eine Million Tonnen noch jährlich weiter zunehmen, damit wäre nach Auskunft von Ulrich Lange die Kapazitätsgrenze für die Fabrik erreicht.

531 Mitarbeiter sind derzeit in der PKV beschäftigt, darunter 35 Auszubildende. Dass die Firma als Arbeitgeber in der Region geschätzt werde, machten die Betriebsratsvorsitzende Meike Kempermann und der Auszubildendenvertreter Welat Ediz deutlich. Es werde allerdings zunehmend schwieriger, qualifizierte Bewerber für alle Berufsbilder zu finden, auch vor dem Hintergrund des Schichtbetriebes. Doch auch hier habe das Unternehmen innovative Lösungen anzubieten, etwa ein Teilzeitmodell auch für den Schichtdienst. Man setze zudem auf eigene Ausbildung in allen Bereichen, die im Unternehmen gebraucht werden, so Kempermann, das zahle sich aus. Welat Ediz betonte, er könne jungen Absolventen die Papier- und Kartonfabrik als attraktiven Ausbildungsbetrieb nur empfehlen.
„Das hört sich alles tatsächlich genauso an, wie Olaf Lies es mir schon geschildert hatte“, erklärte Stephan Weil abschließend. Der aus Friesland stammende Landes-Wirtschaftsminister sei darüber hinaus auch der richtige Ansprechpartner wenn es darum gehe, gemeinsam mit der Landespolitik nach Lösungen für anstehende Herausforderungen zu suchen. 

Autor: Michael Tietz



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