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Mittwoch, 16 Mai 2018 16:48

„Der Notstand in der Pflege ist nun da“

geschrieben von Michael Tietz
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Wacklig: Die Menschen im Land werden immer älter, der Pflegebedarf wird weiter zunehmen. Der Ausbau des Personals im Pflegesektor kann dabei nicht Schritt halten.    Wacklig: Die Menschen im Land werden immer älter, der Pflegebedarf wird weiter zunehmen. Der Ausbau des Personals im Pflegesektor kann dabei nicht Schritt halten. Symbolfoto, pixabay.com
Aufnahmestopp bei der Sozialstation Zetel: Es sind keine neuen Fachkräfte zu bekommen – Warteliste

Zetel
. Fünf Jahre ist es her, dass zum ersten Mal unter dem Motto „Fünf vor zwölf – Pflege am Boden“ bundesweit mit einer ehrenamtlich organisierten Aktion auf die prekäre Situation in der Alten- und Krankenpflege hingewiesen wurde. Inzwischen ist der Pflegenotstand in aller Munde, er war auch Thema im vergangenen Bundestagswahlkampf – getan hat sich bislang indes wenig, längst ist es auf der symbolischen Uhr fünf nach zwölf geworden.
Was das in der Praxis bedeutet, davon weiß man unter anderem beim ambulanten Pflegedienst der Sozialstation Zetel ein trauriges Lied zu singen: „Wir wollen gern weiteres Personal einstellen, denn das brauchen wir dringend, um der steigenen Nachfrage gerecht zu werden“, sagt Pflegedienstleiterin Danja Wehrmann. „Aber es sind einfach keine qualifizierten Kräfte zu bekommen, der Markt ist leergefegt.“ Die Konsequenz: Die Sozialstation Zetel kann derzeit keine weiteren Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen. „Das stößt natürlich auf Unverständnis, wenn wir am Telefon eine Absage erteilen müssen“, sagt Danja Wehrmann, „aber die Kapazitätsgrenzen sind längst erreicht und wir müssen letztlich auch die Qualität der geleisteten Arbeit sicherstellen.“
56 Menschen arbeiten derzeit bei der Sozialstation Zetel, sie versorgen 346 Patienten im gesamten Gemeindegebiet und in angrenzenden Ortschaften. „Wir sind vor Ort wichtiger Träger der ambulanten Pflege und mühen uns nach Kräften, examinierte Kräfte zu finden“, betont auch Bürgermeister Heiner Lauxtermann, qua Amt Betriebsleiter der Sozialstation Zetel, ein Regiebetrieb der Gemeinde. Seit einigen Jahren bildet die Station selbst Fachkräfte aus, die Zahl der Auszubildenden wird in diesem Sommer auf vier erhöht. Das allein löst aber das Problem nicht, weiß Lauxtermann: „Wir werben an Schulen, setzen auf Praktika, zudem verfügen wir als Arbeitgeber über einen ganz guten Ruf, aber wir sind eben nur ein Wettbewerber in einem hart umkämpften Markt.“
Zwei Umstände hätten die Situation gerade in der ambulanten Pflege weiter verschärft, berichtet Danja Wehrmann: „Wir werden verstärkt angefragt, immer häufiger wollen Menschen möglichst lange zuhause leben können. Zugleich ist der Aufwand je Patient im Durchschnitt gestiegen, das ist schon eine enorme Herausforderung.“ Neben der Grund- und Behandlungspflege leistet die Sozialstation auch die Betreuung von Demenzpatienten sowie die sogenannte Palliativpflege bei schwerstkranken Patienten. Dafür braucht es nochmal eine besondere Zusatzausbildung, was die Personalsituation weiter verschärft.
„Wir haben das auf uns zukommen sehen“, sagt Heiner Lauxtermann, „der oft zitierte Notstand in der Pflege ist nun da.“ Und die Sozialstation Zetel ist nicht die einzige Einrichtung mit dem Personalproblem. Was also ist zu tun? „Das wird nur mit einer großen politischen Offensive zu lösen sein“, bilanziert der Bürgermeister, „die Attraktivität des Berufes muss gesteigert werden, dabei geht es auch, aber nicht nur um die Verdienstmöglichkeiten.“ Danja Wehrmann sieht ihrerseits auch ein gesellschaftliches Problem: „Die Pflege hat praktisch keine Lobby. Am Image des Berufs muss sich etwas ändern.“ Dazu gehöre auch, dass junge Menschen, die sich für Pflegeberufe interessieren, bestärkt und nicht belächelt werden.

Das Team der Sozialstation steht im Dialog mit den Haus­ärzten und dem Entlassungsmanagement der umliegenden Krankenhäuser, um im Einzelfall eine Lösung zu finden. Es wird eine Warteliste geführt, aber das nützt den Betroffenen wenig, die sofort Hilfe benötigen. Es zerreiße ihr das Herz, Patienten abweisen zu müssen, sagt Danja Wehrmann. Aber es gelte letztlich auch das Wohl der Kolleginnen und Kollegen im Blick zu haben. So bleibt den Beschäftigten des Pflegedienstes bis auf weiteres nur, zu vertrösten, um Verständnis zu werben und gegebenenfalls auf andere Einrichtungen zu verweisen. Dort aber ist die Situation vielfach eine ganz ähnliche.

Nach Angaben des Deutschen Pflegerats sind die zuletzt von der Bundesagentur für Arbeit genannten bundesweit 35.000 fehlenden Stellen nur die halbe Wahrheit, da viele Einrichtungen schon mangels Aussicht auf Erfolg gar keine freien Stellen mehr melden würden. Tatsächlich benötigt werden demnach wohl bis zu 100.000 Kräfte in der Pflege. Schon jetzt finde die Pflege mit einer viel zu niedrigen Personalbesetzung statt. Wartelisten und Aufnahmestopps in Pflegeheimen und bei ambulanten Pflegediensten seien keine Einzelfälle mehr – „und das ist nur die quantitative Seite des Problems“, so Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats, in einer Stellungnahme von Ende April.
Der Notstand, er ist längst da – und das Problem wird sich weiter verschärfen, ist man auch in Zetel sicher. Dazu genüge ein Blick auf die demografische Entwicklung, so Heiner Lauxtermann: „Der breite Bauch bei der Altersstruktur verlagert sich immer weiter nach oben“ – einfach auszumalen, was das für die Pflegebranche bedeutet.
Gelesen 1039 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 16 Mai 2018 16:55

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