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Mittwoch, 07 November 2018 13:29

„Ein Zeichen der Mahnung und der Erinnerung“

geschrieben von Michael Tietz
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Auf Initiative des Arbeitskreises Juden in Varel ist eine Erinnerungstafel am Jüdischen Friedhof aufgestellt worden. Herstellung und Aufbau hat die Stadt Varel übernommen. Zur Vorstellung der Tafel waren auch Noa Cahaner McManus, Gila Kosary, Gali Carmel und Adi Cahaner (vorn, v. links) aus Israel gekommen, sie besuchten auf dem Vareler Friedhof erstmals das Grab ihres Ur- und Ururgroßvaters Hermann Weiss. Auf Initiative des Arbeitskreises Juden in Varel ist eine Erinnerungstafel am Jüdischen Friedhof aufgestellt worden. Herstellung und Aufbau hat die Stadt Varel übernommen. Zur Vorstellung der Tafel waren auch Noa Cahaner McManus, Gila Kosary, Gali Carmel und Adi Cahaner (vorn, v. links) aus Israel gekommen, sie besuchten auf dem Vareler Friedhof erstmals das Grab ihres Ur- und Ururgroßvaters Hermann Weiss. Foto: Michael Tietz
Arbeitskreis stellt Gedenktafel am Jüdischen Friedhof auf: Nachfahren von Vareler Familie aus Israel zu Gast

Varel.
Es war letztlich die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs am 7. Mai 1945 und damit das Ende der Terrorherrschaft des nationalsozialistischen Regimes, das den kleinen Jüdischen Friedhof im Vareler Ortsteil Hohenberge vor der Zerstörung bewahren sollte: Nachdem die Reichsfinanzverwaltung das Grundstück der jüdischen Gemeinde im Jahr 1943 beschlagnahmt hatte, beabsichtigte man in der Gemeinde Varel-Land, den auf einem Sandhügel gelegenen Friedhof aufzulösen und das Gelände zum Sandabbau zu verwenden.
Doch das Kriegsende vereitelte diese Pläne, der Friedhof ist bis heute erhalten geblieben. Wohl um 1702 wurden hier erstmals Menschen jüdischen Glaubens bestattet, die erste Erwähnung in Dokumenten datiert aus dem Jahr 1711. Als einer der letzten Verstorbenen ist im Mai 1942 Salomon Wolff, Bewohner des jüdischen Altenheimes in der Schüttingstraße, von Friedhofswärter Wilhelm Bunjes beerdigt worden – buchstäblich in aller Stille und zu später Stunde, im Schein einer kleinen Lampe. Ein Grabstein erinnert an Wolff erst seit 1983.

Die Geschichte der Begräbnisstätte hat unlängst der Arbeitskreis „Juden in Varel“ aufgearbeitet und dokumentiert. Jetzt wurde am Eingang zum Friedhof eine Erinnerungstafel aufgestellt, die Besuchern einen prägnanten Einblick in die Historie des Friedhofs bietet.

Nachfahren von Kaufmann Weiss aus Israel besuchen erstmals Friedhof
Zum Arbeitskreis gehört unter anderem der evangelische Pfarrer Tom Oliver Brok: Er begrüßte zur Präsentation der neuen Tafel am vergangenen Sonntag unter anderem die Arbeitskreismitglieder Helga von Eßen, Morten Kollstede, Ralf Splettstößer sowie Historiker Holger Frerichs, Autor verschiedener Bücher und Berichte zur Geschichte jüdischer Familien und zur NS-Zeit in Varel. Gekommen war außerdem der stellvertretende Landrat Reinhard Onnen-Lübben – sowie eine Besuchergruppe aus Israel: Avigdor Cahaner, seine Töchter Adi Cahaner und Noa Cahaner-McManus sowie Gila Kosary und ihre Tochter Gali Carmel waren dieser Tage auf den Spuren ihres Vaters bzw. Großvaters Max Biberfeld in Friesland zu Gast. Biberfeld, der 1936 von Jever nach Palästina emigriert war, war der Neffe von Ludwig Weiss, der in Varel bis zu seinem Tod ein Kaufhaus betrieben hatte (heute Dieler). Dessen Vater Hermann Weiss, Großvater von Max Biberfeld, war 1925 in Varel gestorben und auf dem jüdischen Friedhof in Hohenberge bestattet worden. So besuchte die Familie aus der Nähe von Tel Aviv nun zum ersten Mal das Grab ihres Ur- bzw. Ur-Urgroßvaters. Über das Internet war der Kontakt zum Gröschlerhaus in Jever und zu Holger Frerichs zustande gekommen. Es war nicht der erste Besuch für die Cahaners und Kosarys in Deutschland, sie wissen mittlerweile mehr über Zeit, die Max Biberfeld in Jever und Wilhelmshaven verbracht hat. Denn über diese frühen Jahre hatte sich der 2003 verstorbene (Groß)vater weitgehend ausgeschwiegen.

Holger Frerichs (Bildmitte) und die Besuchergruppe am Grab von Hermann Weiss, der 1925 in Varel starb. Dessen Sohn Ludwig Weiss, letzter Inhaber des gleichnamigen Kaufhauses an der Hindenburgstraße, wurde am 10. November 1938 in seinem Wohnort Bremen von den Nazis zunächst in „Schutzhaft“ genommen und schließlich ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er vier Tage später zu Tode kam.


"Umgang mit Geschichte nicht selbstverständlich"
Es sei beeindruckend, wie offen und umsichtig die Geschehnisse der dunklen Jahre des NS-Regimes auch vor Ort aufgearbeitet würden, so Gali Carmel: „Das ist nicht selbstverständlich.“ So wäre es doch vielmehr ungleich bequemer, den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit zu legen.
Tom Brok bezeichnete es als eine besondere Ehre, dass die Gäste aus Israel zu diesem Anlass nach Varel gekommen waren. Er dankte den Mitgliedern des Arbeitskreises für ihr Engagement und insbesondere den Historikern Holger Frerichs und Hartmut Peters (Gröschlerhaus) für ihre akribische Recherchearbeit. Die neue Infotafel am Friedhof solle auch „ein Zeichen der Mahnung und der Erinnerung sein“, so Brok: Erinnerung an eine friedliche Zeit, in der ein normaler, freundschaftlicher Umgang zwischen Juden und Christen in Varel gepflegt worden sei – aber Erinnerung auch an jene Zeit, „in der jüdische Familien auf menschenverachtende Weise drangsaliert, verschleppt und ermordet wurden“, so Brok. Der Jüdische Friedhof sei „steinernes Zeugnis der Geschichte der jüdischen Familien in Varel“. Während der Naziherrschaft zwischen 1933 und 1945 gab es antijüdische Schändungen auf dem Friedhof. Grabeinfriedungen wurden zerstört, Grabsteine umgeworfen, der schmiedeeiserne Zaun entfernt. Während des Krieges entwendete die Wehrmacht Grabsteine, um damit etwa Flakstellungen in Schweiburg zu befestigen, wie Holger Frerichs berichtete.
Die meisten konnten nach dem Krieg zurückgeholt werden, 121 Grabsteine sind bis heute erhalten, der älteste stammt aus dem Jahr 1777. Wieviele Menschen auf dem rund 1820 Quadratmeter großen Hügel insgesamt beigesetzt wurden, ist nicht bekannt. Holger Frerichs und Hartmut Peters gehen von etwa 200 bis 250 Gräbern aus. In der jüdischen Bestattungskultur gilt die ewige Totenruhe, Grabstellen bleiben, anders als etwa auf christlichen Friedhöfen, auf alle Zeit unangetastet.

Fünfte Erinnerungstafel in Varel
Die neue Erinnerungstafel am Eingang des Friedhofs ist die inzwischen fünfte, die der Arbeitskreis Juden in Varel im Rahmen der Erinnerungsarbeit hat aufstellen lassen – vier weitere erinnern an die ehemalige Synagoge in der Osterstraße, an das jüdische Altenheim von Familie Weinberg in der Schüttingstraße, das (nicht mehr vorhandene) Kaufhaus von Familie Schwabe-Barlewin in der Haferkampstraße und das Kaufhaus der Familie Weiß in der Hindenburgstraße.

>> Umfangreiche Informationen zu Erinnerungsorten in Varel und ganz Friesland sind zu finden unter www.groeschlerhaus.eu, der Internetpräsenz des Zentrums für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland/Wilhelmshaven.
Gelesen 201 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 07 November 2018 19:59

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